Objektwelt
Grundwelt
um Formen der Erfahrung? Und hat die Flow-Pädagogik tatsäch-
lich einen Zugang entdeckt, der weder objektiv noch subjektiv
noch transzendent ist, und der weder aussen noch innen liegt?
Den man einen per-personalen Zugang nennen kann, der durch
reine Erfahrung zugänglich ist? (ganzer Text zu Erfahrung .pdf)
Wir zeigen auf dieser Seite, wie die Aufgaben Pädagogik in vier
Lebenswelten - dargestellt in vier Quadranten - liegen. Ist
Pädagogik Theorie oder Praxis? Oder Gewissheit? Interessant
ist dabei die Rolle der Erfahrung. Geht es um den Transfer
einer theoretischen Erkenntnis in die Praxis, oder
Ist Flow-Pädagogik eine Praxis oder eine Theorie?
Ist sie ein Machen oder ein Lassen, Innovation oder “nur” Ergänzung?
Was heisst Pädagogik? Was ist die Rolle der Erfahrung?
AKTIV
Natur
Organismus
Passung
• Kreislauf
FAKTIV
Kulturgüter
Techniken
Kreativität
• Machen
EMOTIV
Humanität
Betroffen
Drama
• Erleben
VIVATIV
“Fundur”
Exsourcen
Radiallauf
• Lassen
Erfahrung
oder Herz?
Erfahrung und Praxis
Erziehung und Pädagogik haben einen Gesamteinfluss auf Menschen.
Der Gesamteinfluss spielt sich in vier verschiedenen Quadranten ab.
1. Wir sind ein Organismus, und stehen im Kreislauf mit der Natur.
Als Organismus sind wir Natur und zugleich Individuum, das aktiv
werden muss. Es geht darum, dass wir uns an die Mitwelt anpassen
(Schlafrhythmus, Essen) , und uns die Mitwelt zu Diensten machen
(Jagen, Pflanzen, uns schützen vor der Unbill der Natur). Der Mensch
ist ein aktives Wesen,
2. Als Kulturwesen kann der Mensch neue Dinge schaffen, dank seiner
Kreativität. Er kann sogar Maschinen bauen, die ihm Arbeit abnehmen
(Motoren, Automobile). Er kann auch die Techniken von Schreiben und
Lesen erfinden, um das unsagbare Denken zu objektivieren. Hier ist
der Macher gefragt. Der Mensch ist ein faktives Wesen (facere =
lateinische = machen). Das ist die äussere Kulturwelt.
3. Die Innerlichkeit ist beim Menschen höchst entwickelt.
Betroffenheiten in Dramen und Freude, in Gefühlen und im
mitmenschlichen Fühlen sind seine Stärken. Er ist ein emo-
tives Wesen voll von Emotionen, Gefühlen und innerem
Engagement. Seine Identität schafft er selbst, und deshalb
auch seine Entfremdung. Das ist die von Innen und dem
Zusammensein gelenkte Kulturwelt
4. Zusätzlich zur Innerlichkeit hat der Mensch Zugang zu
dem, was eigentlich zählt, zur Grösse des Weltalls und den
vielen Formen von Anderwelt. Ihm wir das Leben geschenkt,
Energie und Kraft fliessen ihm einfach so zu. Dieses ständige
Erhalten von lebendiger Existenz nennen wir den “Radiallauf”, wo
sozusagen aus einem autonomen Zentrum uns zuströmt, radial vom
Zentrum zum Rand des Kreises, der wir sind. Es geht hierbei nicht
nur um das Leben, wie beim existierenden Organismus, sondern es
geht um die Lebendigkeit selbst.
Dort sind auch die existentialen Ressourcen angesiedelt, die
sogenannten Exsourcen, die, wenn sie aktiviert werden, nicht
kleiner werden, sondern grösser. Dazu gehören: Grossartigkeit,
Liebe, der Kreislauf des Gebens, erweiterte Bewusstheit, die
selbstverständliche Geborgenheit, die heitere Freude beim
kunstfertigen Gelingen oder auch die meditative Versunkenheit.
Dieser neue Umgang mit den Grundlagen allen Lebens ist
der vivative Bereich. Der Mensch ist auch ein vivatives Wesen. Er
●
«Tun ohne einzugreifen (wei wu wei),
geschäften ohne Geschäftigkeit, ... finde
Grösse im Kleinen, Vieles im Wenigen.
Erwidere Hass mit innerer Kraft [Flow].
Plane Schwieriges, während es noch leicht ist,
tue Grosses, wenn es noch klein ist.»
(Dao De Jing, 63,1-2,4-7)
Pfiffiges Lassen als
dynamisches Nicht-Handeln:
Lassen ist weder machen (nicht faktiv).
noch wollen oder fühlen (nicht emotiv)
Es lässt (interaktiv) entstehen,
in einem Kreislauf der Lebendigkeit.
Das ist schöpferisch-evolutiv.
kann zum Grund des Lebens selbst, zur Lebendigkeit,
vorstossen und sich davon durchweben und tränken
lassen (dynamisches Gleichgewicht, s. Bild links).
Die ausgezeichnete “Aktivität”, genauer die ausge-
zeichnete Wirksamkeit, besteht im dynamischen Las-
sen, wie: Lass Dein Herz handeln, lass dem Anver-
trauten Raum, lass diesen Raum sich füllen mit Hingabe.
Die Wissenschaften der Grundlagen von Leben und
Lebendigkeit inklusive der Spiritualität sind besondere
Wirkbereiche des angebrochenen Zeitalters. Das ist die fundurale Welt.
(Fundur = der Fundus von Formen der Lebendigkeit; grundlegende Ebene
von allem Sein; fundare = Grund geben; das, was alles begründet; All-
Fundament).
1. aktiv
2. faktiv
3. emotiv
4. vivativ
2.
1.
3.
4.
kontinuierlich Einfluss auf allen Ebenen. Er bezieht die Rhythmen
mit ein wie die objektiven Leistungen, und ebenso die persönlichen Bin-
dungen.
Den Hintergrund bildet stets und ununterbrochen die vitale Stim-
migkeit, sowohl in Worten wie in der Atmosphäre, im Normalfall wie in
Krisensituationen. Dank der stratagemisch gut ausgearbeiteten Paletten
von gewaltlosen und Flow-vollen Interventionen gelingt es in jeder
Situation, der Gewalt, Ungerechtigkeit und dem Minderwert etwas
Stärkeres zur Seite zu stellen, nämlich die positive Ergriffenheit und die
Lust auf Kooperation. Jede Situation kann in eine existentiale
Ressource der Evolution verwandelt werden, - im pfiffig-bescheidenen
Austausch mit der subtilen Wucht der Grundwelt. Solche Inter-Aktion
besteht darin, Echo zu sein des eigentlichen Leben. Dann wirkt es von
selbst, sofort und verlässlich. Der Wandel stellt sich “von selbst” ein.
●
Flow-Praxis: Innovation oder “nur” Ergänzung?
Wieso soll man von Flow-Pädagogik sprechen, und nicht einfach “Er-
gänzung der traditionellen Leistungspädagogik oder der humanisti-
schen Beziehungspädagogik”? Beide Haltungen haben ihre guten
Gründe.
A. Schauen wir zuerst das Verhältnis von traditioneller Pädagogik und
Flow-Pädagogik an.
● Die Ergänzungs-Haltung sagt, dass sie das Neue als
Ergänzung des Bestehenden sieht. Das bedeutet folgendes: Vor der
Reformpädagogik waren die leistungsorientierten Pädagogen immer
auch an der persönlichen Beziehung interessiert. Wieweit sie diese
Beziehungsarbeit schätzten oder tatsächlich praktizierten, hing von
ihrem individuellen Engagement ab. In der Ergänzungs-Haltung ist
das Paradigma von Leistung und gutem Verhalten immer noch lei-
tend, mit zusätzlich reformpädagogischen Ansätzen. Dann ist das
Anliegen der humanistischen Pädagogik eine kleine Neuerung.
● Die innovative Haltung sagt, Reformpädagogik sei eine
wahre Innovation, nicht nur eine kleine Neuerung, denn die per-
sönliche Entwicklung werde ins Zentrum gestellt und in eine le-
bensweltiche Ganzheit eingebunden. Das heisst zugleich auf zwei
Ebenen arbeiten: der traditionell leistungsorientierten, welche das
Verhalten steuert und zugleich auf der personal-orientierten Ebene,
welche die Beziehung als wesentlichen Lernfaktor ansieht.
● Wenn die humanistische Pädagogen ihrerseits sagen: Der
Mensch steht im Zentrum, alles andere ist sekundär, dann nehmen sie
eine exklusive und reduzierende Ergänzungshaltung an und denken,
die objektive Ebene sei eine Ergänzung der menschlichen Ebene sei.
* * *
B. Schauen wir das Verhältnis an von etablierten pädagogischen For-
men und der Innovation der Flow-Pädagogik.
● Die Ergänzungs-Haltung sagt: Der Aspekt von Flow und
Vitalität gibt gute Ergänzungen zum Leistungsdenken und zur
Beziehungsarbeit.
● Die innovative Haltung besagt: Weil das Feld der
ursprünglichen Vitalität von völlig anderer Charakteristik ist als die
subjektive und objektive Welt, hat sie eine eigene Logik und es lohnt
sich diese Logik nicht nur als Ergänzung, sondern als Eigenständigkeit
zu sehen.
● Die exklusive Haltung würde sagen:
Flow-Pädagogik ist die wahre Pädagogik und
die pädagogischen Einflüsse auf den anderen
Ebenen sind Ergänzungen. Das wäre die
Reduktion auf die eigene Sonderheit.
● Diese Exklusivität ist vom Standpunkt
der Ursprünglichkeit nicht zulässig, denn
Vitalität gibt es nur im konkreten, persönlichen,
organismischen Leben in einer konkreten
objektiven Welt.
Der Flow-Pädagoge nimmt
Bild innovativ: Gerd
Altmann, pixelio.de
Pädagogik: Theorie oder Praxis
1. Wird Pädagogik als Theorie (subjektive Realität, die sich in objekti-
vierender Sprache übt) von Erziehung verbunden mit Begleitung von
Verhaltensänderungen verstanden, dann bedeutet dies auf äussere
Beobachtungen zu setzen und Erfahrungen als Begegnung zwischen
persönlichem Tun und sachlichen Anforderungen zu verstehen. Die
praktische Beziehung von Theorie und Praxis heisst Transfer. Die
Erfahrung, die dabei entsteht ist sachgerichtet. Der Anwender erlebt
die Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis und hat den Transfer
durch eigenes Engagement zu bewältigen. Erfahrung heisst dann
die subjektive Welt mit der konkreten Welt pragmatisch zusammen
bringen.
2. Wird Pädagogik als praktisches Tun verstanden, dann geht es
primär nicht darum, welche Theorie umgesetzt wird, sondern wel-
che Taten gesetzt werden, und was die Bedeutung dieser Taten
ist. Erfahrung heisst dann, im Ausüben merken, was ankommt
und was nicht. Es heisst auch, sich systematisch bewusst zu wer-
den, welche einzelnen Elemente die Erziehungspraxis braucht.
Diese Praxis kann sich auf die Beziehung richten (partnerschaft-
liche Interaktion), oder kann die natürliche Entwicklung berücksich-
tigen (oder eben nicht) oder kann die objektiven Leistungen
betreffen, oder ein Mix aus allen drei. Erfahrung heisst dann, die
konkrete Praxis aus dem eigenen Erleben und Handeln her kennen.
Die Beziehung von Praxis und allen Anforderungen heisst praktische
Vernetzung.
3. Wird Pädagogik verstanden als persönliches Engagement von
Personen, für Personen, dann geht es nicht um Theorie oder Praxis,
sondern darum, dass Beziehung gepflegt wird, dass Verständnis
entsteht und dass die erziehende oder lehrende Person sich für die
betreute Person voll zur Verfügung stellt. Zwar gibt es auch dazu
wissenschaftliche Theorien. In jedem Fall ist es nötig, dass die
Theorien über die Begegnungen mit diesen konkreten mitmenschliche
Begegnungen in Übereinstimmung gebracht werden. Noch wichtiger ist
dabei, dass die betroffenen Personen aus der Begegnung bewusstes,
artikuliertes Wissen erwerben, was ihnen geschieht. Diese Verbin-
dung von Wissen (theoretischem oder erlebten) und sinnlich-kon-
kreter Begegnung ist kein Transfer, sondern ist persönliche Ehr-
lichkeit und Echtheit, die aus Erfahrung kommt.
4. Wird Pädagogik verstanden als Einflussnahme, die Lebendigkeit
vermittelt, dann handelt es sich um eine ganz anderes Verhältnis von
Wissen und Praxis. Es geht nicht mehr um ein theoretisches Wissen,
sondern um eine existentielle Gewissheit. Wenn wir eine schöne
Person sehen mit einem offenen Lächeln, so sind wir gewiss, dass
dies hoch attraktiv ist. “Es” ergreift uns. Flow-Pädagogik arbeitet mit
solchen existentiellen Gewissheiten. Jedes Kind weiss sehr schnell, ob
die gezeigte Empathie echt ist oder falsch, ob Lob ehrlich ist oder eine
versteckte, also falsche Forderung. Diese Gewissheit braucht nicht be-
gründet oder argumentativ verteidigt zu werden. Sie ist klarer als jedes
Wissen. Wer liebt, kennt dieses Phänomen und wem ein grosszügiger
Gefallen geschenkt wird, kennt dessen unwiderstehlichen Sog.
Es ist die Gewissheit über einen existentialen Kreislauf, der Geber
und Empfänger stärker bindet als jedes Gefühl und jeder Rechtsvertrag.
Das Bewusssein wird klar, die Kooperation attraktiv, Kampf nicht mehr
nötig. Unglaublich? Die praktische Erfahrung belegt es verlässlich. Das ist
evolutiver Schwung!
Die Verbindung von ressourcierender Einflussnahme und
existentialer Gewissheit heisst, Resonanz herstellen von
grundlegender Vitalität und Lebensführung in dieser Welt.
●
Theorie & Praxis von Fahrradständern
korrekte Lösungen), wie auf innere Bedürfnisse (Selbstbild, Sicher-
heit, Durchsetzungsvermögen, Frustrationstoleranz). Traditionelle
Pädagogik und die ihr zugeordnete Erfahrung lässt sich durch
Machen, Handeln und Verhalten ausüben.
3. Die Beziehungserfahrung ist nicht machbar, sondern eine
interpersönliche Angelegenheit. Es ist die Erfahrung von Betrof-
fenheit durch eine andere Person, die ihrerseits betroffen ist. Es ist
die Erfahrung des eigenen und fremden Engagiert-Seins. Jede hu-
manistische Pädagogik hat die Fokussierung auf die persönliche
Innenwelt des Erlebens und die Erfahrung des Austausches von
Gleich zu Gleich als zentrales Element in der
Einflussnahme. Persönliche Beziehungen kön-
nen nicht “gemacht” werden, und sie sind nicht
objektivierbar, sondern strikt subjektiv und inter-
subjektiv. Nach Martin Buber ist das Ich erst
ganz Ich in der Erfahrung und durch die Erfah-
rung des Du. Es ist die subjektive Erfahrung der
Verbundenheit. Einfach gesagt: “Ich erfahre die
●
Verbundenheit eines anderen, der mich erfährt”. Verbundenheit braucht
keinen Transfer zur Praxis, sie ist Praxis.
4. Die Erfahrung der Grundwelt ist weder objektiv noch subjektiv, sondern
ist die Erfahrung der mühelosen Selbstverständlichkeit, wie Leben digkeit
uns zur Verfügung steht. Etwa als Erfahrung
der Lebenslust, die entsteht, oder als Schwung, der
uns trägt; als Faszination, die das Staunen hervor-
bringt; als Unbekümmertheit, welche die Lasten nicht
scheut, oder auch als Versunkenheit, welche einen
eigenen Raum der bewussten, intensiven Präsenz
schafft. Diese Erfahrungen sind nicht direkt dem Erle-
ben zuzuordnen, sondern einer nicht-subjektiven, per-
personalen Erfahrung: Es ist die Erfahrung des
“ergriffen-sein”. Existentiale Sehnsucht erfährt Erfüllung, und daraus
kommt die grosse vitale Bereitschaft zum weiter gehen. (per-personal =
durch-Person-hindurch-gehend; die Person wird durchgängig getränkt
von Lebendigkeit und Tiefe.)
1. Kreislauf
der Natur
3. Welt von Mensch
zu Mensch
4. Wellen als
Zeichen der
Lebendigkeit
4.Erfahrung des Ergriffensein,
der Lebenslust und
Lebendigkeit
1. Erfahrung des
natürlichen
Kreislaufs
3. Erfahrung der
Betroffenheit und
Beziehung
2. Erfahrung der
objektiven, empirischen
Ausswenwelt
Formen der Erfahrung
Jeder der vier Quadranten in der nebenstehenden Grafik - aktiv in der
Natur, faktiv-machend in der Objektwelt, emotiv in der Subjektwelt und
vivativ in der Grundwelt - steht für einen anderen Zugang zur Erfah-
rung. Erfahrung ist eine erlebte, den ganzen Menschen betreffende
Wahrnehmung.
1. Die Erfahrung der Natur im Kreislauf der Begegnung und Ausein-
andersetzung ist elementar in jeder Pädagogik. Kinder lernen gehen
nicht durch Anweisung, sondern durch Erfahrung mit der Widrigkeit der
Schwerkraft. Eine Begegnung mit den Kräften der Natur selbst. Die
naturnahe Pädagogik berücksichtigt
die Entwicklungsrhythmen des
Menschen, und lässt den Menschen
diese Rhythmen erfahren, z.b. im Wald-
Kindergarten. In der Pädagogik von
Rudolf Steiner werden die natürliche
Kraft der Harmonisierung durch
Musik oder Ästhetik genutzt. (Mon-
tessori, Piaget)
2. Objektiv-Empirische Erfahrung heisst, “die durch die Sinne
vermittelte Gewissheit der äusseren und inneren Dinge” (Dorsch,
Psychologisches Wörterbuch S. 182). Wissenschaftliche
Pädagogik ist dann zutreffend, wenn ihre Erkennt-
nisse das beschreiben, was in der Praxis zum er-
zieherischen Erfolg führt. Der Transfer von der all-
gemeinen Theorie (beachte den Rhythmus, be-
achte die didaktischen Erkenntnisse, stehe als
Person da) zur konkreten Ausübung ist dem
praktischen Pädagogen überlassen. Dies nennt
man Transfer.
Traditionelle Pädagogik ist eine Pädago-
gik, die sich auf messbares Verhalten und objekti-
vierbare Erfolge bezieht, sowohl für äussere Dinge (Wissen, Examina,
2. Beton - Zeichen
der physisch
machbaren Form
Per-personaler Zugang
Die Flow-Pädagogik arbeitet mit allen vier Welten: Naturwelt, objektive
Kulturwelt, subjektive Welt und vivative Grundwelt. Was ist besonders
an der per-personalen Erfahrung?
1. Wie in der personalen Erfahrung der Beziehung geht es nicht darum,
eine Theorie oder eine Erkenntnis in die Praxis zu bringen, sondern die
erfahrene Beziehung ist reine Beziehungspraxis, die durch beid-
seitiges Erleben gegeben wird. Die Grunderfahrung der Vitalität ist
ebenfalls jenseits von Theorie und Transfer. Sie ergibt sich, sobald die
Hindernisse des Egos und der Fakten weggeräumt sind, die die
Ausbreitung der Lebenslust hemmen.
2. Der Pädagoge, der den Flow explizit mit berücksichtigt (Flow-
Farmer, Flow-Navigator) hat dafür zu sorgen, dass - negativ gespro-
chen - die Hindernisse, die Vitalität behindern, beiseite gelegt
werden, und dass - positiv gesprochen - der Schwung der Vita-
lität zum Tragen kommt. Das ereignet sich mittels der
gewaltfreien und Flow-vollen Interventionen.
Folgende Situation. Ein Junge hat einem anderen das
Spielzeug weggenommen. Der Bestohlene rennt dem Räuber
hinterher. Sie prügeln sich. Wie hier Einfluss nehmen? Der Däne
Jesper Juul, der eine sehr personenorientierte Haltung vertritt
empfiehlt: “street smart”, Strassen-Smartheit. Der Bestohlene soll
lernen: “Ist der Andere stärker als ich, oder kann ich ihm eins auf die
Nase hauen?”. Das zeigt, dass humanistische Orientierung auf das
Individuum nicht die Gewalt eliminiert. Der Grund liegt darin, dass
Gewalt eine Form von vitaler Energie ist. Der Pädagoge, der voll auf die
personalen Bedürfnisse fokussiert hat damit die Alternativen zur Gewalt
noch nicht automatisch auf seiner Seite. Die vivative Alternative zu
Gewalt ist eine Pfiffigkeit, die smarter ist als “street smart”.
3. Wie kann solche vivative Pfiffigkeit beispielsweise geschehen.
Der Flow-Profi geht hin, nimmt beide zusammen, den “Täter” und das
‘Opfer’, und fragt das ‘Opfer’: “Was ist geschehen?” dieses antwortet
“Er hat mir mein Spielzeug genommen”. Flow-Profi: “Oh das tut
weh!”. ‘Opfer’: “Ja!”. Flow-Profi zum ‘Täter’. “Was ist denn gesche-
hen?”. ‘Täter’: “Er
wollte mir das Spielzeug nicht geben!”. Flow-
Profi: “Das hat Dich geärgert!”. ‘Täter’:
“Ja, er ist blöd!”. Flow-Profi: “Hast Du
ihn persönlich gefragt?”. ‘Täter’: “Ja,
ich habe gesagt, gib mir das Spielzeug”.
Flow-Profi: “Ich glaube, dass er echt
gefragt werden möchte, nicht nur eine
Forderung hören”. Zum ‘Opfer’: “Wie
sieht das bei Dir aus?”. ‘Opfer’: “Er fragt
nie, er nimmt immer”. Flow-Profi zum
‘Täter’: “Du möchtest doch auch nicht,
●
dass ein Anderer Dir Deine Sachen einfach wegnimmt. Du bist ja kein Räu-
ber”!
Dadurch, dass für beide Seiten die guten Gründe aufgezeigt
werden, entspannt sich die Situation. Der Flow-Profi ressourciert beide
Betroffenen. Das gibt ihnen Energie und vitalen Raum. Die Kinder spüren
diesen erleichternden Schwung, und schon zu diesem Zeitpunkt geschieht
es sehr oft, dass der ‘Täter’ spontan sagt: “Entschuldigung”. Die Sache
beginnt sich einzurenken auf eine Art, die leicht geschieht und nur Grösse
hinterlässt.
Die Kinder erfahren, wie Kämpfe und Ungerechtigkeiten ohne
Gewalt und ohne neue Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft werden.
Der ursprünglichen Vitalität sei Dank. Und Achtung: Flow-Praxis arbeitet
nicht mit Rezepten, sondern mit Stratagemen.
Flow-Pädagogik ist nicht Transfer einer Theorie in die Praxis,
sondern Evokation (wecken, herausrufen) dessen, wonach Lebendigkeit
eigentlich sich sehnt.
Vgl. Dao De und Bedürfnis und Sehnsucht
Der per-personale Zugang ist wie ein Filter: Die volle Lebendigkeit
geht durch den Filter hindurch, das Hinderliche wird blockiert.
Theorie, Erfahrung und Reinheit
Zentrale These: Erziehung und
Lebensführung ist förderlich, wenn sie auf
lebendiger Erfahrung aufbaut. Theorie ist
dann lebendig, wenn sie sich auf direkte,
konkrete Erfahrung aufbaut und im Sinne der
Lebensförderlichkeit eingesetzt wird. Theorie
schränkt die Lebendigkeit und Förderlichkeit
radikal ein, wenn die Theorie zentraler wird
als lebendige Erfahrung, und wenn Wahrheit
nach logischer Konsistenz als Basis der
Wahrheit empfunden wird, und das konkrete
Eingebundensein in lebendige Erfahrung zu
einem “Anwendungs-Detail” wird.
Drei Grundkonzepte von Erziehung
a) Wenn wir nach Normen erziehen, bringen
wir Wissen dazu, dass es sich in Verhalten
niederschlägt, und dieses Erlebnis eines
veränderten Verhaltens entspricht der Erfah-
rung, dass normative Techniken funktionieren.
Der Erzogene also macht dann nicht die
Erfahrung, wie Normen Leben erzeugen,
sondern wie Normen ihn in ein Gefängnis
zwängen. Diese lebensfeindliche Erfahrung ist
eine Eigenschaft, die mit einer Theorie-ge-
steuerten Pädagogik wegen dem inneren
logischen Zusammenhang verbunden ist.
Der Erzogene muss diese feindselige
Erfahrung als Preis bezahlen, um jenes
Verhalten zu erreichen, das von einer
äusseren moralischen technischen oder
sozialen Instanz gewollt ist. Der Lohn besteht
darin, als leistungsvoller Mensch anerkannt zu
sein und von den anderen Leistungsträgern
als einer der Ihren akzeptiert zu sein. Die
Kosten bestehen im feindseliger
Distanzierung von sich und von der freien
Lebendigkeit, der Lohn anderseits besteht im
Zugehören zu den Verwandten im Geiste der
Leistung.
b) Wenn wir hingegen nach Empathie
erziehen, lassen wir die Natur des
Gegenüber sich entfalten, und das
Gegenüber macht nicht die Erfahrung, wie es
Widerstände erfahren und durchleben kann
und zudem sich noch in Freiheitsgewinn
wandelt. Im Gegenteil macht er die
Erfahrung, dass seine Ansprüche sich
mühelos durchsetzen. Er macht dann nicht
die Erfahrung, dass Grenzen Freiheit
generieren. Es ist eine Eigenschaft der
Empathie-gesteuerten Pädagogik, dass die
komplexe Alchemie der Grenzerfahrungen
ins Hintertreffen geraten. Das ist der Preis
dafür, dass die eigenen Wünsche sich trotz
widriger Umständen ohne grosse Anstren-
gung durchsetzen können. Sofern der
Erziehende genügend Empathie besitzt.
c) Wenn wir nach den vitalen Energiefor-
men erziehen, so lassen wir das Gegenüber
erfahren wie Flow, Sanftheit, Grosszügigkeit
wirkt. Das Gegenüber erhält die Gelegenheit,
den Kreislauf des Gebens am eignen Leibe
zu erfahren oder wie sich etwa die eigene
Betroffenheit anfühlt, wenn unter der meis-
terlichen Leitung des Erziehenden in pfiffiger
Weise bei sich selbst ein Nein in ein Ja ver-
wandelt wird. In solchen Ereignissen findet
eine doppelte Erfahrung statt: erstens die
Erfahrung, wie sich das Nein auflöst ins Ja,
und zweitens die Erfahrung, dass diese Ver-
wandlung und auch das Resultat als positiv
empfunden wer-
den. Das Überra-
schende an
dieser Erfahrung
ist, dass
Geführtwerden
sich als positives
Freiheitserleben
erweist.
Dieses
doppelte Ergebnis, das sich einstellt - ein
Nein wird Ja und die Verwandlung verläuft
durchaus positiv -, ist nicht auf Theorie
gebaut, sondern ganz in Erfahrung
eingebettet. Die Theorie kommt erst im
Nachhinein zustande, sozusagen als Erklä-
rung dessen, was zum vorne herein erfahren
wurde.
Diese
doppelte
Erfahrungs-Positivität ist eine Eigenschaft der
Erfahrung-gesteuerten Pädagogik, wie es die
Flow-Pädagogik ist. Der Preis dafür besteht
darin, einen Erzieher finden zu müssen, der die
Praxis beherrscht, den Flow zu wecken, und der
Ausdauer besitzt und erst dann Leistung und
Anpassung verlangt, wenn Flow geweckt ist und
zur Verfügung steht. Mit anderen Worten
besteht der Preis nicht darin, für die Erfahrung
von Lebendigkeit bezahlen zu müssen, sondern
darin, vom Zufall abhängig zu sein. Der Zufall
besteht darin, dass er dem Kind oder dem Ler-
nenden jene Eltern oder Lehrpersonen schickt,
welche die Erziehung des Flow, also die Pä-
dagogik des Herzens, beherrschen. Der Preis
muss dann bezahlt werden, wenn der Zufall
jene Erziehende schickt, die gar nicht “das Land
des Flow mit dem Herzen suchen” und es auch
nicht wollen.
Reine Erfahrung
Die Reinheit der vitalen Erfahrung besteht darin,
dass Lebendigkeit sowohl psychisch, wie
sinnlich, wie organismisch erfahren werden
kann, und dass auch Geistigkeit selbst zu einer
betroffenen Erfahrung wird. Das Besondere
dabei ist die Erfahrung, dass Vitalität es vermag,
diese Erfahrungen zu einer Erfahrung der
positiven und konkreten Betroffenheit (und nicht
nur der abstrakten Kognition) zu machen.
Rein ist die Erfahrung auch, weil sie in der Lage
ist, zu jeder schlechten Erfahrung eine
Dimension hinzuzufügen, die das Schlechte in
Förderlichkeit verwandelt. Wer Streit, Angriffe
und Kriege übersteht, wird nicht das Leid als gut
darstellen. Positiv aber ist die Tatsache, es
überwunden zu haben, und dass aus dem
Leiden und dessen Überwindung ein Mehr an
Lebendigkeit entstehen konnte. Diese Positivität
ist nicht nur als Gedanken anwesend oder
Gefühl, sondern als echte Erfahrung.
Theorie lässt sich in Büchern aufbewahren.
Erfahrung aber hat Wurzeln bis tief ins Erdreich der Lebendig-
keit, und lässt aus diesen den Stamm wachsen. Der Stamm und
seine Äste stehen für all das, was wir im Laufe des Lebens
wirklich werden. Sogar die Blätter, die im Herbst abfallen, bilden
mit der Zeit Humus für weiteres Wachstum.
●
Bild app: Gerd
Altmann, pixelio.de
reines Getragensein